ERP als strategische Schaltzentrale

Future Work wird oft mit Homeoffice oder Flexibilität verkürzt. Bei Boss Info wird es als Aspekt der Organisation und Verantwortung verstanden. Welche Rolle spielt ERP in diesem Zusammenhang?

Simon: Future Work bedeutet im ERP-Kontext vor allem eines: Reaktionsfähigkeit. Die Fähigkeit, jederzeit und überall auf die richtigen Daten zugreifen und handeln zu können – unabhängig vom Gerät. Es geht nicht darum, wo man arbeitet. Das ERP bildet dabei das Rückgrat: Es muss diese Mobilität unterstützen, neue Technologien direkt einbinden und sicherstellen, dass Entscheidungen nicht am falschen Ort oder zum falschen Zeitpunkt scheitern.

Diese Haltung habe ich bereits in zwei Beiträgen vertieft. Im Beitrag «Organisation der Zukunft» beschreibe ich, wie Boss Info selbst auf diesen Wandel reagiert. Im Beitrag «KI und Automatisierung» zeige ich, wo der grösste Hebel für Effizienzgewinne liegt, und wo die Grenzen sind.

Viele KMU-Entscheider denken beim Thema ERP zuerst an Buchhaltung und Warenwirtschaft. Was geht dabei verloren?

 

Bild von Simon am erklären

Simon: Aus meiner Sicht, das Wesentliche. Das ERP-System ist die Schaltzentrale des Unternehmens, das Zentrum, in dem alle geschäftsrelevanten Informationen zusammenlaufen und damit die Basis vernetzter, moderner Arbeitsmodelle. Vom ersten Berührungspunkt mit einem Kunden bis zum Ende der Zusammenarbeit. Kommerziell, operativ, kommunikativ. Dasselbe gilt für die Mitarbeitenden: Auch sie sollten dort ihre Informationen finden, ihre Prozesse abwickeln, ihren Alltag organisieren können. Die ganze kommerzielle Schiene muss abgedeckt sein, von der Rechnungsstellung über den Support bis hin zur Marketingbetreuung mit Round Tables und Informationsanlässen.

 

Früher waren es dicke Bücher und doppelte Buchhaltung. Heute ist es ein System, das Daten in Echtzeit aufbereitet, auswertet und auf jedem Gerät verfügbar macht, vom Laptop bis zum Smartphone. Diese Entwicklung verändert, wie Unternehmen geführt werden. Wie sich das konkret in modernen Lösungen wie Microsoft Dynamics 365 Business Central zeigt, wo Anwenderinnen und Anwender heute applikationsübergreifend in Excel, Teams und Outlook mit Daten arbeiten können, beschreibt Guido Stirnimann im Interview «Der Kreislauf ist geschlossen»: Business Central von Navision bis zum KI-Agenten.

 

Strategische Bedeutung von bossERP 

Boss Info setzt auf ein breites ERP-Portfolio, von Microsoft über Oracle bis zu eigenentwickelten Branchenlösungen. Warum dieser Ansatz?

Simon: Weil kein Unternehmen wie das andere ist. Ich mache gerne einen Vergleich mit dem Sport: Wenn ich einen Marathon auf der Strasse laufe, brauche ich einen anderen Schuh, als wenn ich Trailrunning mache. Nicht jeder Kunde hat dieselben Herausforderungen, und deshalb passen auch nicht alle Lösungen gleich gut. Gewisse Unternehmen haben grosse Datenmengen, andere müssen schnell reagieren können oder alles mobil abwickeln. Wir schauen zuerst, welches ERP am besten zur Kundin, zum Kunden passt, und empfehlen dann. Ein Unternehmen, das in 100 Ländern unterwegs ist, braucht eine andere Lösung als ein KMU mit 50 Mitarbeitenden in der Schweiz. Für den einen sind Microsoft Dynamics 365 Business Central, Oracle NetSuite oder Oracle JD Edwards ideal für den anderen unsere eigene Lösung bossERP.

Datensouveränität ist ein Thema, das in der Schweiz und Europa zunehmend an Bedeutung gewinnt, gerade im Zusammenhang mit US-amerikanischen Cloud-Anbietern und dem US Cloud Act. bossERP positioniert sich hier bewusst als Alternative. Was steckt hinter dieser Entscheidung?

Simon Boss und Mitarbeiter im Meeting

Simon: Viele Kunden wollen wählen können, wo ihre Daten sind, wer zugreift und wie sie die Kontrolle behalten. Mit dem aktuellen amerikanischen Image ist ein spürbares Unbehagen entstanden. Die meisten grossen Anbieter sind amerikanische Firmen, und der US Cloud Act erlaubt den USA Zugriff auf Daten, selbst wenn die Rechenzentren in der Schweiz oder in Europa stehen. Darauf reagieren viele Kunden sensibel. Bei bossERP können die Kunden frei wählen, ob sie es On-Premises, in einer private Cloud oder einer von uns betriebenen Infrastruktur in der Schweiz betreiben. Der Hauseigentümerverband Schweiz zum Beispiel hat uns genau deshalb gewählt, weil ihm wichtig war, dass seine Daten in der Schweiz bleiben.

Gleichzeitig räume ich gerne mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Cloud wirkt auf den ersten Blick unsicherer als ein lokaler Server. Tatsächlich ist oft das Gegenteil der Fall. Viele KMU betreiben ihre Daten lokal auf Servern, die physisch kaum abgesichert sind. Ein professionelles Rechenzentrum bei einem etablierten Anbieter bietet in der Regel deutlich mehr Schutz. Gleichzeitig muss der Zugang gesichert sein: Face ID, Fingerabdruck, mehrstufige Anmeldeverfahren sind heute Standard, damit sichergestellt ist, dass nur die richtige Person Zugriff bekommt.

Eigenentwicklung bedeutet Aufwand, aber auch Unabhängigkeit. In einem Markt, in dem grosse Anbieter wie Microsoft und Oracle die Preise regelmässig anpassen, stellt sich die Frage: Welche strategische Bedeutung hat bossERP darüber hinaus?

Simon: Für die Zukunft der Boss Info hat es eine hohe strategische Bedeutung, denn bei bossERP sind wir selbst von A bis Z der Hersteller. Dadurch sind wir nicht von Dritten und deren Margenpolitik abhängig. Bei Microsoft oder Oracle werden die Preise regelmässig erhöht, das trifft uns genauso wie unsere Kunden. Die Margen im Drittanbieter-Geschäft sind in den vergangenen Jahren massiv erodiert, von einst rund 50 Prozent auf heute teils unter 10 Prozent. Mit einem eigenen System sind wir von niemandem abhängig, von keiner Preispolitik, von keinen geopolitischen Entwicklungen. Und unsere Kunden profitieren zusätzlich: Sie können für grössere Projekte sogar den Source Code erhalten. Das ist bei Microsoft oder Oracle nicht möglich.

Der ERP-Markt ist hart umkämpft, und viele Anbieter versprechen ähnliches. In einer Branche, die schneller, komplexer und vergleichbarer wird, womit hebt sich Boss Info ab?

Simon: Durch Branchenverständnis, echte Referenzen, Verbindlichkeit und Vertrauen. Eine ERP-Entscheidung ist keine Kaufentscheidung für drei Jahre, sondern für die kommenden 20 Jahre. Das verlangt Vertrauen. Vertrauen entsteht nicht durch Technologiekompetenz allein. Es entsteht durch Verbindlichkeit, die im Alltag spürbar ist, wie dem Einhalten von Terminen und Kosten. Kompetenz und Verständnis für die Branche, die Sprache und die Herausforderungen des Kunden. Daher sind uns unsere Referenzen und Case Studies sehr wichtig: Kunden, die bestätigen, dass wir das bei ihnen schon so gemacht haben. Das schafft Vertrauen, bevor die Zusammenarbeit überhaupt beginnt.

KI im ERP-Umfeld 

Simon Boss vor dem Bildschirm am arbeiten

KI wird als der nächste grosse Umbruch im ERP-Umfeld gehandelt. Was verändert sich wirklich, und was ist überschätzt?

Ich sehe KI als Tool, nicht als Allheilmittel. Der Begriff «künstliche Intelligenz» ist aus meiner Sicht eigentlich falsch. KI kann selbständig Prozesse durchführen, aber die Intelligenz muss der Mensch spenden. Ein Prozess, der falsch designt ist, wird mit KI nicht besser. Vielleicht schneller, vielleicht ausführlicher, aber nicht besser. Und wenn die Daten nicht gepflegt sind, nützt mir auch die beste KI nichts. Es hat viel mit Disziplin zu tun.

Wo liegt dann der echte Mehrwert von KI im ERP?

Dort, wo grosse Datenmengen schnell ausgewertet werden müssen. Forecasts, Bestellvorschläge, automatisierte Reportings, Bedarfsabklärungen. Ich sehe KI wie einen Taschenrechner: Es ist ein Tool, das mir hilft, schnell grosse Datenmengen zu analysieren. Früher benötigte man für jeden Spezialreport einen Entwickler. Heute können Anwenderinnen und Anwender vieles selbst gestalten, eigene Prozesse erstellen, Daten kombinieren.

Was sich dabei auch verändert, ist die Rolle: Entwicklerinnen und Entwickler werden zunehmend zu Orchestratoren. Sie sagen dem System in klarer Sprache, was gebraucht wird. Das Doing übernimmt die KI. Was bleibt und wächst, ist die Fähigkeit, zu gestalten, zu priorisieren und den Überblick zu behalten. Wer das versteht, gewinnt Zeit für das, was wirklich zählt: Kreativität, Branchenwissen, echte Problemlösung.

KI kann Daten verarbeiten, Prozesse beschleunigen und Berichte generieren, aber sie stösst auch an Grenzen. Wo hört KI auf, und wo muss der Mensch übernehmen?

Simon Boss im Büro

KI hat keine Emotionen. Kein echtes Branchenverständnis. Keine Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen. Sie kann unterstützen, aufbereiten, beschleunigen. Aber das Urteil, die Kreativität, das Kontextwissen müssen vom Menschen kommen. Ob mit oder ohne KI: Du musst einfach selber denken. Das müssen wir fördern, bei unseren Mitarbeitenden und bei unseren Kunden.

Bei Boss Info setzen wir das konkret um: Beispielsweise werten wir mit einer MCP-Plattform (Model Context Protocol) JD Edwards mit eigenen KI-Agenten auf. Die Agenten kennen den Kontext, die Daten und die Prozesse, und können so präzise unterstützen, ohne dass Anwenderinnen und Anwender das System verlassen müssen. Wie das technisch funktioniert, erklärt Entwickler Simon Krieger im Interview «KI im ERP: Wie Boss Info JD Edwards mit einem eigenen KI-Layer nachrüstet».

Fazit

Das Gespräch mit Simon Boss macht eines deutlich: Bei ERP geht es nicht nur um Technologie. Es geht um Verantwortung, Datensouveränität und Vertrauen, das über Jahre aufgebaut wird und in kurzer Zeit zerstört werden kann. KI verändert das Tempo, nicht das Fundament. Wer saubere Prozesse, gepflegte Daten und echtes Branchenverständnis mitbringt, wird von KI profitieren. Wer das nicht hat, bekommt schlechte Ergebnisse schneller.

bossERP steht dabei für einen bewussten Gegenentwurf zu den grossen Plattformen: Wahlfreiheit beim Betriebsmodell, Unabhängigkeit von geopolitischen Entwicklungen und Preispolitik, Nähe zum Kunden statt Standardisierung um jeden Preis.

Die Rolle von Boss Info ist klar: Wir sind nicht der Anbieter, der eine Lösung verkauft, sondern der Partner, der zuerst versteht, was ein Unternehmen wirklich braucht, dann die passende Lösung aus einem breiten Portfolio empfiehlt und diese langfristig begleitet. Mit Branchenwissen, mit Verbindlichkeit und mit dem Anspruch, Vertrauen nicht nur zu gewinnen, sondern immer wieder neu zu bestätigen.

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