KI-Integration für JD Edwards 

Warum Boss Info eine eigene Plattform entwickelt hat

JD Edwards, das ERP-System von Oracle, bietet von Haus aus keine native KI-Unterstützung. Oracle verfolgt zwar eine sogenannte «AI Enablement»-Philosophie, stellt also Tools bereit, mit denen Partner und Kunden eigene Lösungen entwickeln können, bietet aber keine fertigen KI-Integrationen an. «Sie geben dir die Werkzeuge, aber du musst sie selbst bauen», sagt Krieger. «Und alles, was Oracle anbietet, ist an die Oracle Cloud gebunden. Das ist für viele unserer Kunden schlicht nicht praktikabel.»

Boss Info hat deshalb einen eigenen Weg gewählt: Das Ergebnis ist eine offene Plattform, die sich flexibel mit verschiedenen KI-Modellen und unterschiedlichen Systemumgebungen kombinieren lässt, sei es Cloud, On-Premise oder hybrid.

Die Plattform: Ein selbst entwickelter MCP-Client und -Server für JD Edwards

Wie bringt man ein Sprachmodell dazu, mit einem bestehenden ERP-System zu kommunizieren? Simon Krieger erklärt es mit einem einfachen Bild: «Ein LLM (Large Language Model) ist wie ein Gehirn. Du trainierst es auf Sprache, auf Zusammenhänge, auf Wissen. Aber ohne Verbindung zu den Gliedmassen, also zu den Systemen, die wirklich etwas tun können, bleibt es nutzlos.»

Genau hier setzt das sogenannte Model Context Protocol (MCP) an. MCP ist ein offener Standard und funktioniert als standardisierte Schnittstelle zwischen einem KI-Modell und den Systemen, auf die es zugreifen soll. «MCP ist also die Verbindung vom Gehirn zu den Gliedmassen», so Krieger.

Wie sieht das Ergebnis für den JD Edwards User aus?

Über eine Chat-Oberfläche können Benutzer in natürlicher Sprache mit dem ERP-System interagieren. Fragen wie «Was ist die Artikelnummer für dieses Produkt?» werden automatisch beantwortet, indem die KI eigenständig die relevanten Tabellen im System durchsucht und das Ergebnis zurückgibt. Komplexere Vorgänge, sogenannte Orchestrationen, ermöglichen es, mehrstufige Geschäftsprozesse wie die Erstellung eines Verkaufsauftrags direkt per Chat anzustossen.

Mitarbeiter schreibt mit dem Chat Bot
Mitarbeiter mit Laptop

Simon Krieger Developer, Oracle Business Unit | JD Edwards Team, Boss Info

Simon Krieger ist seit fast acht Jahren Teil des JD Edwards Teams bei Boss Info. Seine Laufbahn ist ungewöhnlich: Nach einer abgeschlossenen Ausbildung als Bäcker/Konditor EFZ sattelte er um und absolvierte eine Lehre als Applikationsentwickler, die er 2021 erfolgreich abschloss.

Seit der Zusammenführung von Full Speed Systems und Boss Info im Jahr 2022 ist er fester Bestandteil des Boss Info Teams. Heute entwickelt er kundenspezifische Lösungen und Integrationen für Oracle JD Edwards EnterpriseOne, treibt den Aufbau KI-basierter Technologien voran und betreut als Berufsbildner am Standort Sursee den Nachwuchs in der Informatik.

Datensicherheit bei KI im ERP: Zugriffsrechte, Kontrolle und Human in the Loop

Eines der sensibelsten Themen beim Einsatz von KI in Unternehmenssystemen ist der Datenschutz. Simon Krieger betont, dass Boss Info hier einen grundlegend anderen Ansatz verfolgt als viele andere Anbieter: «Es gibt viele Lösungen, bei denen die KI auf alles zugreifen kann und dann je nach User entscheidet, was sie anzeigt. Das ist in meinen Augen der falsche Ansatz, denn die KI kann dabei überlistet werden.»

Bei der Boss Info-Plattform gilt das Gegenteil: Die Zugriffsrechte werden vollständig durch das JD Edwards-Benutzerprofil gesteuert. Die KI sieht nur das, was der jeweilige Benutzer im System sehen darf, nicht mehr. «Wenn ein Mitarbeiter keinen Zugriff auf Finanzdaten hat, dann kann die KI diese Daten auch nicht abrufen. Nicht weil wir es ihr verbieten, sondern weil JD Edwards es ihr technisch gar nicht ermöglicht.»

Mitarbeiter schreibt am Code

Die Kontrolle liegt bei den Menschen

Alle Abfragen führt die KI eigenständig aus. Sobald sie jedoch Daten verändert, etwa einen Auftrag erstellen oder einen Eintrag modifizieren, wird zwingend eine Bestätigung durch den Benutzer verlangt. «Wir wollen nicht, dass die KI einfach drauflosarbeitet und dann mühsam alles rückgängig gemacht werden muss», sagt Krieger. «Die Kontrolle bleibt beim Menschen.»

Evaluation Framework: Wie Boss Info die Qualität sichert

Ein bekanntes Risiko beim Einsatz von Sprachmodellen ist das sogenannte Halluzinieren, also das Erfinden von Antworten, die plausibel klingen, aber schlicht falsch sind. Wie geht Boss Info damit um?

«Ausschliessen kann man es nie», gibt Krieger offen zu. «Aber wir haben es mit Prompt Engineering deutlich reduziert. Alle Zahlen und Daten, die die KI ausgibt, müssen sich auf echte Daten aus dem System abstützen, sie darf nichts erfinden.» Zusätzlich hat das Team ein Evaluation Framework entwickelt, das die Qualität der Modellantworten kontinuierlich testet. Im Chat selbst können Benutzer die Antworten der KI jederzeit mit den tatsächlichen Systemdaten abgleichen. «Wenn man wirklich sicher sein will, kann man es jederzeit überprüfen.»

KI-Agenten im ERP-Einsatz: Wie spezialisierte Agenten bessere Ergebnisse liefern

Ein zentrales architektonisches Prinzip der Boss Info-Plattform ist das Konzept der KI-Agenten. Statt eine zentrale KI für alle Anwendungsfälle setzt Boss Info auf vier spezialisierte Agenten, die jeweils für einen klar definierten Aufgabenbereich zuständig sind:

  • General Agent: Beantwortet allgemeine JD-Edwards-Fragen und erklärt Fehlermeldungen
  • Data Agent: Führt Datenabfragen im System durch
  • Orchestration Agent: Steuert komplexe, mehrstufige Geschäftsprozesse
  • App-Report Agent: Hilft Benutzern, die richtige Applikation oder den richtigen Report im System zu finden

Krieger vergleicht das Prinzip mit der Unternehmensführung: «Wenn man einer Person 20 Aufgabenbereiche gibt, verliert sie den Überblick. Das ist bei Agenten genauso. Wenn man einem Agenten einen klar definierten Auftrag gibt, und nur den, erzielt er bessere Resultate.» Gleichzeitig warnt er vor dem Gegenteil: Zu viele, zu kleinteilige Agenten führen zu endlosem Koordinationsaufwand. «Wichtig ist hier das richtige Mittelmass zu finden.»

Der Benutzer merkt von dieser Architektur mit vier Agenten nichts, er schreibt seine Anfrage in den zentralen Chat direkt in JD Edwards, und ein übergeordneter Router entscheidet im Hintergrund, welcher Agent die Aufgabe übernimmt.

BIF mit Headphones Teams Gespräch mit Roboter

Lokal statt Cloud: Die Datensouveränität gewinnt an Bedeutung

Bei der Wahl des KI-Modells hat Boss Info einen klaren Trend beobachtet: Sobald Kunden hören, dass Daten in eine Cloud-Umgebung übertragen werden, entstehen Fragen. «Die erste Reaktion ist immer: Wo gehen meine Daten hin?», berichtet Krieger.

Mitarbeiter vor dem Bildschirm am arbeiten

Boss Info testet deshalb aktuell den Betrieb von KI-Modellen auf eigenen Servern. Zum Einsatz kommt dabei Qwen 3, ein Modell des chinesischen Unternehmens Alibaba. «Ja, es ist von Alibaba», sagt Krieger direkt. «Aber weil es lokal installiert ist, gehen keine Daten nach aussen. Das ist der entscheidende Punkt.»

Die Plattform von Boss Info ist so konzipiert, dass sie unabhängig vom eingesetzten Modell funktioniert. Private- und Public-Cloud-LLMs, On-Premise-Installationen sowie eine hybride Installation sind alle möglich. «Ich sehe die Zukunft in kleinen, spezialisierten Modellen, die auf den eigenen Servern laufen und für konkrete Use Cases optimiert sind», so Kriegers Einschätzung.

KI im Unternehmensalltag: Sinnvolle Anwendungsfälle im ERP und wo Grenzen liegen

Nicht jeder Prozess eignet sich für KI-Automatisierung. Krieger ist da pragmatisch: «Wenn immer alles genau gleich abläuft, egal welcher Kunde, egal welches Produkt, dann brauche ich keine KI. Dann reicht klassische Automatisierung; beispielsweise bei der Duplikaterkennung oder der Rechnungserfassung.».

KI entfaltet ihren Mehrwert dort, wo Ausnahmen und Sonderfälle die Regel sind, typischerweise bei systemübergreifenden Auswertungen oder individuellen Kundenregeln.

icon duplicate

Duplikaterkennung
Adressen, die mehrfach und in unterschiedlichen Schreibweisen erfasst wurden, werden automatisch erkannt und bereinigt.

icon rechnung

Rechnungserfassung
Eingehende Rechnungen werden gescannt und direkt im System verarbeitet.

icon chart network

Systemübergreifende Auswertungen
Unternehmen mit zehn oder mehr Systemen rund um das ERP können Daten aus verschiedenen Quellen automatisch zusammenführen lassen.

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Individuelle Kundenregeln
Sonderwünsche einzelner Kunden, die sonst nur im Kopf erfahrener Mitarbeitender existieren, können in eine Datenbank überführt und von der KI automatisch berücksichtigt werden.

KI ersetzt keine Menschen, sie verändert ihre Arbeit

Am Ende des Gesprächs kommt Krieger auf eine Frage zu sprechen, die in vielen Unternehmen für Unsicherheit sorgt: Verändert KI die Arbeit der Mitarbeitenden, die täglich mit dem ERP-System arbeiten?

Seine Antwort ist eindeutig: «Alle sagen immer, KI ersetzt Leute. Das ist in meinen Augen falsch. Was sich verändert, sind die Aufgaben, nicht die Menschen. Repetitive, mühsame Tätigkeiten werden abnehmen. Dafür rücken Fähigkeiten wie das Formulieren präziser Anfragen, das kritische Hinterfragen von KI-Ausgaben und das Erkennen sinnvoller Einsatzmöglichkeiten stärker in den Vordergrund. Die KI übernimmt das, was zeitaufwendig und fehleranfällig ist. Der Mensch bleibt für das Urteil zuständig.»

Dass Boss Info dabei nicht mit fertigen Patentrezepten antritt, sondern gemeinsam mit den Kunden Use Cases erarbeitet, ist kein Zufall. «Jeder Kunde braucht etwas anderes», sagt Krieger. «Deshalb haben wir die MCP-Plattform geschaffen, auf der wir mit dem Kunden gemeinsam das entwickeln, was wirklich benötigt wird.»

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