Jens, du bist seit fast 20 Jahren bei Boss Info. Wie hat alles begonnen, und was hat dich an der Individualentwicklung gepackt?

Jens: Ich habe damals für eine Firma gearbeitet, die später Teil der Boss Info wurde. Was mich von Anfang an gereizt hat: das gesamte Spektrum. Ich beschränke mich nicht auf die rein technische Umsetzung, sondern begleite Projekte von der Anforderungsaufnahme über die Konzeption und Entwicklung, die Qualitätssicherung bis zur Einführung beim Kunden.

Ursprünglich komme ich aus dem Bauingenieurwesen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Entwickeln eigentlich mein Hobby ist, also habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Und der Antrieb, selbst gute Business Solutions zu entwickeln ist geblieben.

«Future Work» ist in aller Munde. Was verbindest du damit, aus deiner Perspektive als Software Engineer?

Bild von Github

Jens: Ehrlich gesagt, für uns ist Future Work schon lange einfach Work. Die Frage, wo man sich befindet oder wo die Sourcen liegen, das ist in der Entwicklung seit Jahren kein Thema mehr. Was sich jetzt wirklich verändert, ist etwas Grundlegenderes.

Die Plattform verschiebt sich Richtung Cloud, und Entwicklung wird immer stärker durch Werkzeuge unterstützt, Stichwort KI. Routinetätigkeiten, die früher ein Junior-Entwickler übernommen hat, Code schreiben, erste Tests, Dokumentation aufbereiten, werden heute von Tools erledigt. Was früher Tage gedauert hat, geht heute in einer Stunde. Das bedeutet: Der Entwickler konzentriert sich auf das Konzeptionelle, auf die Anforderungen und auf das grosse Ganze. Weg von der rein technischen Umsetzung. Das ist für mich Future Work.

Gibt es ein Projekt, das diese Verschiebung besonders greifbar macht?

Jens: Ja, sehr gut sogar. Wir haben an einer Ausschreibung für eine grössere IT-Plattform teilgenommen. Das Problem bei solchen Ausschreibungen ist immer: Man schreibt Dokumente, macht Screenshots, erklärt, und am Ende hängt alles davon ab, ob der Kunde das Konzept wirklich verstanden hat. Jeder denkt anders: Manche denken in Bildern, andere in Prozessen.

Dieses Mal haben wir einen klickbaren Prototyp gebaut. Noch vor einem halben Jahr wären das Wochen Arbeit gewesen, finanziell in einer Ausschreibungsphase schlicht nicht darstellbar. Mit KI-Tools, die wir präzise auf die Kundenanforderungen ausgerichtet haben, war der Prototyp in wenigen Tagen fertig. Er hat bereits 80 Prozent der Anforderungen abgedeckt. Wir haben den Auftrag bekommen, und der Prototyp ist direkt in die Weiterentwicklung geflossen.

Bild Jens und Stefan

Wie läuft hierbei die Zusammenarbeit zwischen euren Teams und dem Kunden ab?

Jens: An diesem Prototyp haben verschiedene Teams innerhalb der Boss Info zusammengearbeitet, Entwicklung, ERP, Projektleitung, Business Solutions. Und der Kunde? Der kann dem Entwickler buchstäblich auf die Finger schauen. Sobald etwas fertiggestellt ist, wird es automatisch beim Kunden ausgerollt, der kann sofort bewerten, Feedback geben, die Richtung korrigieren. Das ist agile Arbeitsweise in der Praxis: Fehler werden früh erkannt und früh behoben. Und je früher ein Problem erkannt wird, desto kostengünstiger ist es zu lösen.

Braucht es in einer Future-Work-Welt mehr Individualentwicklung, oder stossen Standardlösungen heute schneller an ihre Grenzen?

Jens: Das hat miteinander eigentlich gar nichts zu tun. Individualentwicklung ist in der Regel die teurere Variante, fertige Lösungen sind kosteneffizienter. Und Individualentwicklung bedeutet auch nicht, alles von Grund auf neu zu bauen. Es geht sehr oft darum, bestehende Tools auszuwählen, die bestimmte Teile der Anforderungen abdecken, und über Schnittstellen miteinander zu verbinden.

Individualentwicklung kommt dann zum Einsatz, wo Prozesse zu komplex sind oder ein bestehendes System, zum Beispiel ein ERP, den grössten Teil der Anforderungen erfüllt, aber eben nicht alles. Wir entwickeln dann individuelle Softwarelösungen, bauen Portale und erweitern ERP-Systeme. So bilden wir komplexe Fachprozesse vollständig ab, es entstehen skalierbare Systeme und reibungslose Informationsflüsse.

Wie geht ihr mit Sicherheitsanforderungen um, gerade wenn Kunden mobiler, vernetzter und digitaler arbeiten?

Jens: Generell kann man ein System nicht vollständig absichern. Was man tun kann und muss, ist den Aufwand für einen Angriff so weit zu erhöhen, dass er sich zeitlich und wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Wenn ein Hochleistungscomputer statistisch 100 Jahre braucht, um einen Code zu knacken, dann wird kein Angreifer diese Energie investieren.

Wir ermitteln für jedes Projekt ein Gefährdungspotenzial: Welche Daten werden verarbeitet? Wie sensibel sind sie? Ein konkretes Beispiel: Bei einer Applikation für Schulen wurde eine Datenschutzanalyse durchgeführt, die Datenschutzstufe festgelegt, und erst bei der Schlussabnahme stellte ein kantonales Security-Gremium fest, dass neben Zeugnisdaten auch Religionszugehörigkeiten gespeichert werden. Das erhöhte die Datenschutzstufe um zwei Stufen, und hat die Infrastrukturkosten verdoppelt. Diese Risikoeinschätzung muss vorher stattfinden, nicht nachher. Deshalb arbeiten wir nach dem Vier-Augen-Prinzip, ziehen externe Experten hinzu und führen am Ende Penetrationstests durch.

Sicherheit und Budget stehen immer in einem gewissen Spannungsverhältnis. Das richtige Mass zu finden, das ist die eigentliche Aufgabe.

BIF Sicherheit

Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen Business Solutions und ICT verändert, und was hat Future Work damit zu tun?

Jens: Die ICT ist von Beginn an für uns ein zentraler Partner. Die Infrastruktur bestimmt die Softwarearchitektur, und umgekehrt stellt die Entwicklung Anforderungen an die Plattform: Wer greift mit welchen Mechanismen zu? Wie ist die Firewall konfiguriert? Welche Performance brauchen wir? Das sind keine Fragen, die man am Ende stellt, die müssen von Anfang an gemeinsam beantwortet werden.

Eine gute Analogie: Die Entwicklung baut das Fahrzeug, die ICT baut die Strasse. Aber die Strasse muss das Gewicht tragen, die Kapazität kennen, die Sicherheit gewährleisten. Wenn man das von Beginn an gemeinsam plant, spart man enorme Kosten.

Ob eine Lösung On-Premise oder in der Cloud läuft, entscheidet sich ebenfalls früh, und hängt von den Anforderungen ab, nicht von Trends. Ein Unternehmen mit einem einzigen Standort und klaren Zugriffsregeln fährt mit On-Premise oft günstiger. Ein global verteiltes Team mit verschiedenen Berechtigungen spricht für die Cloud. Wir hatten zum Beispiel das Projekt OLIVIA, eine Applikation zur Verwaltung von Linien des öffentlichen Verkehrs, die von verschiedenen Betreibern genutzt wird. Rechtlich mussten die Daten in der Schweiz bleiben, eine Cloud-Lösung war nicht möglich. Das Ergebnis: eine schlanke On-Premise-Infrastruktur mit einer mehrfaktorbasierten Login-Lösung des Kantons Bern.

Future Work verstärkt hier etwas, das wir schon kennen: Die Teams rücken enger zusammen, und das bereichsübergreifend: Security, Entwicklung, ICT, Datenschutz, alle sitzen früher am gleichen Tisch.

Wohin entwickelt sich die Individualentwicklung und was bedeutet das für die Menschen, die diesen Beruf ausüben?

Bild Jens mit Headset

Jens: Wir sind bereits an einem Punkt, wo man nicht mehr programmieren können muss, um Software zu bauen. KI übernimmt zunehmend die Codegenerierung sowie viele Aufgaben der routinemässigen Qualitätskontrollen. Das verändert die Ausbildung, die Aufgaben, das Selbstverständnis. Früher stand im Fokus, wie ein Prozessor funktioniert und wie man sauberen Code schreibt. Heute geht es darum, Kundenanforderungen in präzise Prompts zu übersetzen, KI-Ausgaben kritisch zu prüfen sowie Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Das ist konzeptionelles Denken auf einem neuen Level, und es ist anspruchsvoller, als viele erwarten.

Für mich ist das kein Grund zur Sorge, sondern ein Grund zur Vorfreude. Wer nah am Kunden ist, wer versteht, was ein Unternehmen wirklich braucht, und wer das in digitale Lösungen übersetzen kann, der wird gebraucht. Heute und morgen. Bei Boss Info haben wir genau diese Kombination: die Kundennähe, die technische Tiefe und die Teams, die beides zusammenbringen.

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Stefan Fries

Executive Board, Head of Collaboration & Business Solutions

+41 31 958 00 28
fgrsna.sevrf@obffvasb.pu
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